Dienstag, 15. Juli 2014

Geld oder Liebe

Geld oder Liebe?
Dieser Artikel erschien in "Hinterland", dem Magazin des Bayerischen Flüchtlingsrates.

In einem Labor der Berkeley Universität spielen zwei zufällig ausgewählte Testkandidaten Monopoly. Der eine Spieler zieht den Spielstein (den Rolls-Royce) mit einem triumphierenden „tock, tock, tock“ über das Spielfeld und beendet seinen Spielzug mit einem lauten Knall. Genüsslich zählt er das Spielgeld, dass sein Gegenspieler mit einer schicksalsergebenen Teilnahmslosigkeit über den Tisch schiebt. Offenbar zeichnen sich in diesem Spiel ein Sieger und ein Verlierer ab. Vor einem der Spieler türmen sich nicht nur die Geldstapel, irgendwie ist auch die Schüssel mit den Salzbrezeln, an der er sich großzügig bedient, in seine Nähe gewandert. Um so länger das Spiel dauert, desto unangenehmer wird die Stimmung zwischen den Spielern. Der schweigsame Verlierer muss sich immer öfter unhöfliche, triumphierende Kommentare gefallen lassen wie „Ich kann schon gar nicht mehr verlieren.“ oder „Bald gehört mir alles was Du hast.“.

Nach 15 Minuten wird das Experiment abgebrochen und die Teilnehmer nach ihren Erlebnissen befragt. Der Gewinner wird voller Selbstbewusstsein sein Spielgeschick herausstellen und mit echter Überzeugung erklären warum er seiner Meinung nach den Sieg verdient hat. Tatsächlich aber war das Spiel von Anfang an zu seinen Gunsten manipuliert. Ein Los vor Beginn des Spiels hatte entschieden, wer das doppelte Startkapital erhält, das doppelte Einkommen bei „Los“ einzieht und nicht nur mit einem, sondern zwei Würfeln ziehen darf. Dass ein Münzwurf über diese unfairen Ausgangsbedingungen entschieden hatte, war bei den über hundert Kandidatinnen und Kandidaten in der Rückschau der Gewinnerinnen und Gewinner weit weniger Präsent, als in der der Verliererinnen und Verlierer. „Das ist eine wirklich unglaubliche Erkenntnis darüber, wie das menschliche Gehirn einen solchen Vorteil verarbeitet“, erklärt Paul Piff, Psychologe im „Berkeley Social Interaction Laboratory“ (1).

In den Arbeiten von Prof. Dacher Keltner, Doktorvater von Paul Piff und Direktor des „Berkeley Social Interaction Laboratory“, geht es um die Liebe als soziales Phänomen. Er steht damit ganz in der Tradition von Sozialpsychologen wie Erich Fromm, der mit „Die Kunst des Liebens“ eines der einflussreichsten philosophischen Werke über die Liebe verfasst hat. Wie Erich Fromm sieht Dacher Keltner das Mitgefühl bzw. die Nächstenliebe als die fundamentale Eigenschaft des Menschen und „die fundamentalste Art von Liebe, die allen anderen Formen zugrunde liegt“ (2). „Unsere Spezies hat überlebt, weil wir die Fähigkeit entwickelt haben, zu kooperieren und für Hilfsbedürftige zu sorgen“ sagt Dacher Keltner und stützt sich damit auf Erkenntnisse der Evolutionspsychologie die bis Pjotr Kropotkin zurückreichen. (3)




Im Rahmen der Dissertation "On wealth and wrongdoing: How social class influences unethical behavior." (4), hat Paul Piff daher verschiedene Versuche darüber durchgeführt ob Mitgefühl und Nächstenliebe durch Reichtum beeinflusst werden. Im Verlauf dieser Arbeit stellte Paul Piff fest, dass sich Reiche weniger an die Straßenverkehrsordnung halten, öfter unethische Entscheidungen treffen, eher bereit sind sich bewusst auf Kosten anderer zu bereichern und weit häufiger schummeln um zu gewinnen. Er meint einen eindeutigen Zusammenhang zwischen sozialer Klasse und (un)sozialem Verhalten feststellen zu können, auch wenn natürlich nicht alle Reichen gierig und hartherzig und nicht alle Armen großzügig und mitfühlend sind.

Laut Paul Piff nehmen mit steigender sozialer Klasse Nächstenliebe, Empathie und Mitgefühl ab, während die Bereitschaft die üblichen Rechtfertigungen von sozialer Ungerechtigkeit zu akzeptieren, wie „Gier ist gut“ oder „Reiche haben sich ihr Vermögen verdient“ zunimmt.

„In dem Monopolyspiel wollten wir untersuchen wie sich das Verhalten der Gewinner in einem solchen manipulierten Spiel verändert.“ erläutert Paul in seinem TED Vortrag der bereits mehreren Millionen mal im Internet aufgerufen wurde (1). Bemerkenswert an diesem Monopoly-Versuch ist, dass die Klassenunterschiede sich erst in diesem Spiel entwickelten. Beide Spieler waren Studenten der Berkeley Universität mit ähnlichem sozialen Hintergrund. Auch wenn Monopoly in einem fairen Spiel möglicherweise ehrgeizigere Spielerinnen und Spieler bevorzugt, hatte das keinen Einfluss auf den manipulierten Spielverlauf.

Zeigen die Ergebnisse von Paul Piff und Dacher Keltner, dass allein Geld zu haben schon genügt um den Charakter eines Menschen negativ zu beeinflussen? Was könnte so besonders an Geld sein, dass es diesen Einfluss auf unseren Charakter zu haben scheint?

In der gängigen Überlieferung der Wirtschaftswissenschaft wurde Geld vor allem als ein praktisches Tauschmittel erfunden ohne das wir ständig Hühner in Kartoffeln umrechnen oder Zigaretten, Salz oder Kaffee als Trinkgeld für die Kellnerin bereithalten würden. Das Problem an dieser Geschichte ist, dass diese Form einer Tauschwirtschaft nie existiert hat, schreibt David Graeber, Anthropologe, Anarchist und Held der Occupy-Wallstreet Bewegung in seinem wissenschaftlichen Bestseller „Schulden, die ersten 5000 Jahre“ (6). Er meint bevor wir Geld hatten, haben wir uns Gegenseitig beschenkt. Geld als Münze ist im wesentlichen eine Militärtechnologie. Erst als stehende Heere bezahlt werden mussten, erfanden Herrscher die Münzen. Wenn wir mit jemand auf Heller und Pfennig abrechneten, dann nur weil wir diese Person möglicherweise überhaupt nicht mochten und wahrscheinlich nie wieder sehen wollten.

Statt Tauschwirtschaften gab es laut Graeber sog. Schenkökonomien. Es genügte in diesen Schenkökonomien anzudeuten, dass Sie Bedarf an etwas haben, dass eine andere Person besitzt und schon war diese verpflichtet es ihnen zu geben. Im Gegenzug blieben Sie etwas schuldig. Diese Schuld bestand nicht unbedingt dem Schenker gegenüber, sondern der Gemeinschaft insgesamt. Am angesehendsten waren diejenigen die am meisten gaben und nicht die die am meisten hatten.

Unsere Gesellschaft funktioniert heute scheinbar genau anders herum, tatsächlich aber meint Graeber in unserer Gesellschaft überall Reste dieses Denkens zu sehen. Wenn uns eine Person etwas bedeutet und wir das ausdrücken wollen, dann beschenken wir sie. Sie wird dieses Geschenk möglicherweise mit einem anderen Geschenk erwidern, vielleicht aber auch nicht. Wenn sie das Geschenk aber ablehnt oder das Geschenk oder den exakten Gegenwert zurückgibt, dann sind wir „quitt“ und die soziale Beziehung ist zumindest gestört.

Neu an David Graeber's Arbeit ist, dass er seine Betrachtungen über Geld und Schulden aus dem Kontext unserer Zeit und unseres Wirtschaftssystems heraus löst. Seine Arbeit geht daher über eine Kapitalismuskritik oder Sozialkritik hinaus.

Die Liebe als kollektive Nächstenliebe, wie sie Erich Fromm oder Pjotr Kropotkin definierten, war auch eine der zentralen Botschaften der 68er bzw. der Hippie Bewegung. In dieser Tradition wird Liebe „als anarchisches und entgrenzendes Gegenmodell zu den Beschränkungen, Anforderungen, Funktionalisierungen und Ökonomisierungen der menschlichen Alltags- und Arbeitswelt aufgefasst.“ (7). Es hat allerdings bis heute gedauert bis jemand den direkten Einfluss von Geld auf die Liebe untersuchte. Geben uns David Graebers Einblicke in die Schenkökonomien einen Hinweis darauf warum das Geld den Menschen beeinflusst?

Dass Liebe und Schenken viel mehr gemeinsam haben als Liebe und Geld wissen wir eigentlich schon lange, diese banale Weisheit ist Teil unserer Überlieferungen von Jesus bis Lennon.
Die Dinge die wir lieben sind „unbezahlbar“ und Liebe verlangt nach keiner Gegenleistung. Anscheinend hatten wir schon lange vor der Erfindung der Marktwirtschaft Erfahrungen mit dem negativen Einfluss des Geldes auf die Liebe.

Die Arbeiten von Paul Piff und David Graeber weisen auf einen fundamentaleren Gegensatz von Liebe und Geld hin, der Unabhängig von anderen Einflüssen unseres Wirtschaftssystems zu sein scheint. Ist unser Dilemma also „Geld oder Liebe“? Können wir dieses Dilemma auflösen? Gibt es eine Form des Geldes in dem Liebe einen Platz hat?

Dieser Fragen hat sich ein weiterer Denker der Occupy-Wallstreet Bewegung verschrieben. Der Amerikanische Philosoph und Autor Charles Eisenstein versucht mit seinem Buch „Sacred Economics“ nichts geringeres, als Geld und Liebe unter einen Hut zu bringen.

Seine Lösungen für das Dilemma sind dabei nicht unbedingt neu, revolutionär ist nur sie im Zusammenhang mit der Liebe zu Denken. Charles Eisenstein greift wie David Graeber auf Erkenntnisse aus der ersten Hälfte des 20. Jh. zurück. Er stellt sich dabei vor allem die Frage ob Maßnahmen wie die Sozialdividende (Bürgergeld, Grundeinkommen) oder das Schwundgeld (negative Zinsen, umlaufgesteuertes Geld) den negativen Einfluss des Geldes auf die Liebe verändern könnten. Vor allem das Schwundgeld hat für Eisenstein dabei das Potential, Geld und Liebe zu vereinbaren, wobei er Fern jeder banalen Zinskritik argumentiert.

Das erste Experiment mit negativen Zinsen fand im Jahr 1932 in Wörgl statt. Mit der damaligen Wirtschaftskrise kam das gesamte Leben in Wörgl in Tirol zum erliegen. Geld so schreibt Eisenstein, scheint seltsame magische Eigenschaften zu haben. Obwohl die Infrastruktur und die Menschen die eine Gemeinschaft am Leben erhalten nicht verschwunden sind und obwohl Geld im Grunde nur eine Vereinbarung ist die wir untereinander treffen, bricht offenbar alles zusammen wenn das Geld weg ist. In Detroit, dass sich heute in einer ähnlichen Situation wie Wörgl 1932 befindet, können Krankenhäuser, Rettungswägen, Schulen, Kindergärten oder die Feuerwehr nur deshalb ihre Aufgaben nicht mehr erfüllen weil an der Wallstreet scheinbar eine unsichtbare Energie vernichtet wurde, die diese am laufen hielt. Dabei legitimieren sich Gemeinschaften auch heute vor allem durch die sozialen Aufgaben die man in der Gemeinschaft teilt und nicht durch den Profit oder das Wachstum das erzielt wird.

Als der Wörgler Bürgermeister Unterguggenberger 1932 eine lokale Währung ausgab die monatlich 1% ihres ursprünglichen Wertes verlor, kam nicht nur die Wirtschaft in Schwung. Wie in der Schenkökonomie wurden plötzlich die gemeinsamen Projekte und der Austausch von Leistungen füreinander zum sozialen Kit der Gesellschaft.

„Während Sicherheit in einem zinsbasierten System aus der Anhäufung von Geld resultiert, kommt sie in einem Schwundsystem von produktiven Kanälen, durch die man es dirigiert. Man wird also eher ein Knotenpunkt für den Wohlstandsfluss als ein Akkumulationspunkt. Mit anderen Worten legt es den Fokus auf Beziehungen, nicht auf das Haben.“ Charles Eisenstein (8).

Er schreibt: „Nehmen wir an, ich hätte zwölf Brotlaibe und Sie wären hungrig. So viel Brot kann ich nicht essen bevor es hart wird, also gebe ich Ihnen gern etwas davon ab.“ (8) Ein gieriges Horten von Brot macht keinen Sinn. Geld das verdirbt wenn man es länger besitzt hat seiner Meinung nach die gleichen Eigenschaften. Wenn man mehr Schwundgeld hat als man benötigt, ist es vernünftiger man schenkt es anderen, die einem dafür etwas Schuldig bleiben. Schwundgeld verhindert so das Anhäufen von Geld, befördert die Großzügigkeit und das Schenken und damit den sozialen Zusammenhalt der Gemeinschaft. Auf diese Weise kann Schwundgeld unsere Gesellschaft grundlegend verändern. Das Schenken macht Schenker und Beschenkte zum Teil einer das Ich transzendierenden Gemeinschaftswahrnehmung.

Charles Eisenstein fasst dieses Gefühl in dem Video „The Revolution is Love!“ so zusammen:

„Liebe ist die gefühlte Verbindung zu anderen Wesen. Ein Ökonom sagt 'mehr für dich ist weniger für mich.' Der Liebende aber weiß, dass mehr für dich auch mehr für mich ist. Wenn du jemanden liebst ist ihr Glück auch dein Glück, ihr Schmerz ist dein Schmerz. Die Wahrnehmung deiner Selbst erweitert sich und schließt andere ein. Dieser Bewusstseinswandel ist universell in uns allen, dem 1. % und den 99%.“ (9)

Für die Gegner der Occupy-Wallstreet Bewegung ist Liebe als zentrale, politische Botschaft nicht fassbar. Wie soll ein Milliardär auf eine Occupy-Wallstreet Bewegung reagieren deren Botschaft ist, dass die universale Liebe der Zukunft auch ihn mit einschließt? Laut den Medien hat Occupy-Wallstreet damit schlichtweg gar keine Forderung.

Liebe hat offenbar in einem politischen Diskurs keinen Platz, der Diskurs wird vom Kapital beherrscht und der Markt regelt alles. Der Mensch der Gattung homo oeconomicus ist dabei angeblich nur auf den eigenen Vorteil aus. Glauben wir das wirklich? Lieben wir womöglich deshalb die Menschen nicht, weil wir glauben, dass die Menschen nur das Geld lieben?

Geld und Liebe werden als gegeben hingenommen und ihre Bedeutung für unser tägliches Leben ist unserer Aufmerksamkeit entglitten. Ob Charles Eisensteins Vorschläge tatsächlich unser Geldsystem so auf den Kopf stellen können, dass wir damit auf das Dilemma „Geld oder Liebe?“ eine zufriedenstellende Lösung finden, kann man nur entscheiden wenn sie ernsthaft diskutiert und ausprobiert werden.

Vielleicht ist eine Antwort wiederum in den Arbeiten von Paul Piff und Dacher Keltner zu finden. Dacher Keltner argumentiert in seinem Buch „Born to be Good“ überzeugend, dass der Mensch von „Geburt an Gut“ ist. (10) Was auch immer die Profitgier und der Reichtum mit uns anstellen ist umkehrbar. Ein Film über Kinderarmut genügte in Paul Piffs Experimenten um die Unterschiede zwischen Arm und Reich zu verwischen (1). Nicht der Mensch ist laut Dacher Keltner kalt und herzlos, sondern die Art und Weise wie wir uns als Gesellschaft organisieren. Wenn er recht hat dann brauchen wir womöglich tatsächlich nur ein neues Geld um das Lieben zu lernen.

(1) Piff, Paul (2012): http://www.ted.com/talks/paul_piff_does_money_make_you_mean
(2) Fromm, Erich (2003): Die Kunst des Liebens. Frankfurt am Main.
(3) Zeit online: Professor Teddybär. http://www.zeit.de/zeit-wissen/2010/03/Portraet-Dacher-Keltner
(4) Piff, Paul Kayhan, Ph.D. (2012): On Wealth and Wrongdoing: How Social Class Influences Unethical Behavior, University of California, Berkeley.
(5) Kropotkin, Pjotr (1902): Mutual Aid: A Factor of Evolution.
(6) Graeber, David (2011): Schulden. Die ersten 5000 Jahre. Stuttgart.
(7) Wikipedia: Liebe (Abgerufen 21.5.2014).
(8) Eisenstein, Charles (2011): Sacred Economics. http://sacred-economics.com/
(9) Occupy Wall St. - The Revolution Is Love w. Charles Eisenstein(YouTube, 2011).
(10) Keltner, Dacher (2009): Born to be Good: The Science of a Meaningful Life. New York.

Siehe auch: http://occupylove.org/

Kommentare:

  1. Hi AlienObserver,
    schön, nach langer Abstinenz mal wieder etwas von Dir lesen zu können.
    Wirklich interessant, dass die Gewinner einer Art Selbstbetrug erliegen und sich ihren "Erfolg" durch Ausblenden der Realität schön reden. Die Verlierer sehen dahingegen die Ungerechtigkeit jeweils deutlich vor Augen geführt.

    Beim "Erfolgs"beispiel Wörgl würde ich mit den Schlussfolgerungen vorsichtig sein. Die genaue Ursache für den wirtschaftlichen Aufschwung aufs Schwundgeld zurückzuführen, ist m.E. verkürzt. Man hat damals zu Zeiten einer wirtschaftlichen Depression eine Parallelwährung eingeführt, d.h. frisches Geld in Umlauf gebracht. Klar, dass damit einiges bewegt werden konnte. Der Schwundanteil sorgt für eine geringe Sparquote, das lässt sich aber auch über andere Mechanismen bewerkstelligen (z.B. keine Guthabenzinsen -> neg. Realzins, oder angemessene Besteuerung von Kapitaleinkünften). Langfristig wäre interessant gewesen zu sehen, wie die Bevölkerung "gespart" hätte.
    Es sind sich ja alle einig, dass der Wirtschaft entzogenes Geld schädlich ist. Die einen nennen es "horten", die anderen "sparen", aber egal wie man es nennt - in einer vernetzten Wirtschaft sind meine Ausgaben deine Einnahmen. Entziehe ich dem einen Teil, dann "fehlt" der am Ende irgendwo. Mit dem Entstehen und Vergehen von Geld durch Kredit wird das Spiel erst recht interessant.

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  2. Hallo Wisemansfear,

    Danke für den Kommentar, meine antwort ist nicht speziell an dich gerichtet sondern an alle, die den Fehler machen den Menschen aus ihren Überlegungen über Wirtschaft auszublenden.

    Offensichtlich geht es in meinem Artikel nicht um Ökonomie, sondern um das menschliche Miteinander. Die Kritik an der Ökonomie aus ökonomischer Sicht greift grundsätzlich zu kurz. Ob und wie Schwundgeld also ökonomisch sinnvoll ist, sollte allgemein eine untergeordnete Rolle spielen. Die Frage ist, ob eine Form des Austauschs soziale Beziehungen befördert oder nicht. Es ist also absolut nicht "gleich" welche Mechanismen angewendet werden. Nur aus einer ökonomischen Sicht heraus sind die angesprochen Maßnahmen gleich.

    Wie wir unsere Wirtschaftsbeziehungen gestalten hat Einfluß auf unser Verhalten. Darum geht es in diesem Artikel. Die klassische Ökonomie produziert ein Menschenbild der immerwährenden Konkurrenz.

    Erst wenn wir geprüft haben, was die Auswirkung der Gestaltung wirtschaftlichen Handelns in einem politischen Rahmen sind, können wir uns für eine Maßnahme entscheiden die das soziale Miteinander fördert, und nicht nur "die Wirtschaft".

    Ökonomie muss begriffen werden als untergeordneter Teil des sozialen Lebens und der Beziehungen der Menschen untereinander. Die Wirtschaftswissenschaft geht den anderen Weg, jegliche soziale Begebenheit wird innerhalb der Wirtschaftswissenschaft als Teilmenge ihres Erklärungsrahmens gesehen.

    Diese Anmaßung einer Allgemeingültigkeit macht die Institutionelle Wirtschaftswissenschaft zu einer Ideologie der Macht. Sie in Teilen zu kritisieren bestärkt sie, man muss sie daher als Ganzes ablehnen. Wer nur das Wohl "Der Wirtschaft" verfolgt, handelt entgegen dem Gemeinwohl. Die perfekte "marktkonforme Gesellschaft" besteht aus 99% Zwangsarbeitern und 1% Kapitalisten.

    Wirtschaftswissenschaft kann nur Akzeptiert werden, wenn sie sich in allen Aspekten sozialen interessen unterordnet. Erst wenn sie ein Menschenbild des Miteinanders verfolgt, sind ihre Erkenntnisse Verwendbar.

    So lange die Wirtschaftswissenschaft dem Menschenbild immerwährender Konkurrenz folgt ist sie unnütz und ihre sämtlichen Ergebnisse unbrauchbar.

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  3. Wie muss Wirtschaftswissenschaft funktionieren um gesellschaftlich akzeptable Ergebnisse zu produzieren?

    Hierzu einige Ansätze.
    Abhängige Arbeitsverhältnisse müssen in erster Linie als Machtbeziehungen verstanden werden und nicht als Wirtschaftsbeziehungen.

    In der Höhe von Löhnen treten in erster Linie gesellschaftliche unzulänglichkeiten wie Sexismus, Ausländerfeindlichkeit und Klassenchauvinismus zutage. Ihre ideale Höhe richtet nach der Bedeutsamkeit der Tätigkeit für die Gesellschaft und nicht den Interessen globaler Märkte.

    Schulden sind im wesentlichen Ausdruck und Mittel von Herrschaftsverhältnissen und sozialem Gefälle.

    Zinsen sind Mittel und Triebfeder der Ausbeutung von Menschen und Natur.

    Preise entstehen durch gesellschaftliche Aushandlungsprozesse in einem Herrschafts- und Klassengewebe und nicht an einem "freien Markt".

    Wirtschaft ist allein Mittel der Verteilung der Güter nach dem Bedarf der Mitglieder der Gesellschaft und nicht Selbstzweck. Wirtschaft kann daher nie "frei" sein, da sie immer nur ein Werkzeug in den Händen einer Gemeinschaft ist und von Produkt eines politischen Aushandlungsprozess.

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  4. Danke für die Eingebungen, kann ich voll und ganz zustimmen.
    Das Kernproblem ist dann vielleicht doch Komplexität. Wir tun so, als könnten wir sie beherrschen und überlassen Spezialisten (a.k.a. Technokraten) das "Ruder", die jeweils auf ihr Fachgebiet bezogene Speziallösungen finden, aber nie eine "runde Lösung" fabrizieren können. Das wäre nur möglich, wenn aus allen Teilbereichen Menschen zusammenkommen und sich vernetzen würden. Gemeinsam Lösungen erarbeiten.
    Ja, auf Wettbewerb gedrilltes Konkurrenzdenken führt zu nichts außer Verteilungskämpfen. Ich kann die Systemverteidiger schon rufen hören: "Aber unser Wohlstand basiert auf Wettbewerb..." Ja, zu Lasten einer Rest-Welt, die man so herrlich einfach ausblenden kann, so weit weg wie sie ist... Da fällt mir nur der Spruch auf ponzi-world ein "3 billion not served..."

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