Donnerstag, 24. Februar 2011

Wachstum revisited 01

Da ich selbst erstaunt bin, wie gut der schnell hingeworfene Wachstumsbegriff (Wachstum = Erhöhung der Tragfähigkeit) zu passen scheint, möchte ich ihn hier (mangels anderer Diskussionsteilnehmer mit mir selbst) diskutieren.

Im ersten Teil will ich noch einmal auf das BIP eingehen.

Hier die angebliche Bedeutung des BIP laut Wikipedia:
"Das Bruttoinlandsprodukt (Abkürzung: BIP) gibt den Gesamtwert aller Güter (Waren und Dienstleistungen) an, die innerhalb eines Jahres innerhalb der Landesgrenzen einer Volkswirtschaft hergestellt wurden und dem Endverbrauch dienen."

Weiterhin wird behauptet:
"Das BIP ist ein Maß für die wirtschaftliche Leistung einer Volkswirtschaft in einem bestimmten Zeitraum. Die Veränderungsrate des realen BIP dient als Messgröße für das Wirtschaftswachstum der Volkswirtschaften und gilt damit als die wichtigste Größe der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung."

Für as BIP nimmt man den Produktionswert der Waren zieht die Vorleistungen ab und verrechnet Steuern und Subventionen (Entstehungsrechnung).

Da für die Produzierten Waren Menschen arbeiten mussten, wird zum Leidwesen der Produzenten Lohn fällig. Der Unternehmer zahlt evtl. noch Zinsen für Kredite. Die im BIP zusammengefasste Zahl ist also identisch mit der Summe der Gehälter und Unternehmenseinkommen - Zinszahlungen (Verteilungsrechnung).

Jürgen Kremer (Prof der Wirtschaftsmathematik) rechnet hier vor, dass Unternehmensgewinne und Vermögenseinkommen gleich einem Wert namens Zinsgewinn sind. Bitte bei Herrn Kremer die Herleitung also nachlesen wer es nicht glaubt.

BIP = Löhne/Gehälter + Zinserträge
Offizielle Zahlen für DE:
BIP: 2400 Milliarden €
Löhne Gehälter: 1800 Milliarden €
Zinseinkommen 600 Milliarden €

Im Wikipedia finden wir auch diese Bemerkung:
"Das Statistische Bundesamt weist darauf hin, dass in Deutschland keine eigenständige Berechnung des BIP über die Verteilungsseite vorgenommen wird, weil keine ausreichenden Angaben über die Unternehmensgewinne vorliegen."

Das hat System und wird von der OECD gerügt: Siehe hier. Es wird davon ausgegeangen, das wir unser Steueraufkommen um 20% erhöhen könnten.

Zur Erklärung wie das funktioniert hier nachsehen.

Es handelt sich nicht um ein zwei Millionen sondern um geschätzte 100 Milliarden weniger Steuereinnahmen! (20% von 500 Milliarden).

Da Zinserträge bei uns bekanntlich mit 25% versteuert werden schätze ich hier die Größenordnung der nicht beachteten Zinseinkommen auf 400 Milliarden ab, die Ungenauigkeit ist groß, die Größenordnung sicherlich richtig. (Ja Zinseinkommen, siehe wieder Herr Kremer oben.)

Frage an die Wirtschaftsprofis: Haben wir in Wirklichkeit ein höheres BIP?
Nicht angegebene Unternehmensgewinne in der Finanzbranche und Gewinne privater Anleger machen also 17% Unseres BIP aus? Wo geht das in die Produktionswertberechnung ein bzw. warum nicht?

Ich meine, dass dies keine vernachlässigbaren Ungenauigkeiten sind. Wissenschaftlich betrachtet ist eine Messung mit einer Fehlerquote von 17% ein Witz. Wie kann man da noch einen Zuwachs von 1% als Erfolg feiern? Warum wird die Ungenauigkeit der Berechnung nicht mit angegeben?

Das bedeutet für uns wenn wir uns die Zahlen ansehen und nachsehen welcher Teil unserer Wirtschafsleistung zu Zinsgewinnen wird:
1000/2400 = 0,4166666. = 41,6%

Alles was aus dem BIP an Zinsen herausgenommen wird muss ein anderer erwirtschaften. Also arbeiten deutsche Angestellte im Durchschnitt 41% ihrer Arbeitszeit für die Zinsgewinne anderer.

Ich bin (zum Glück) kein VWL Profi. Fehler bitte ich also zu entschuldigen aber mir geht es hier um Größenordnungen.

Was hat das BIP dann eigentlich für eine Bedeutung für unsere Gesellschaft? Warum hat Marvin Harris das BIP völlig ignoriert als er die Leistungsfähigkeit einer Gesellschaft betrachten wollte?

Wie nutzlos das BIP ist will ich an Beispielen verdeutlichen:
Ein Auto das im Stau steht und nutzlos Benzin verbraucht trägt zur Erhöhung des BIPs bei. Genau wie ein schlecht Isoliertes Haus oder wenn Produktionsüberschüsse weggeworfen werden.

In die Tragfähigkeitsberechnung geht diese Verschwendung nicht ein. Sie würde sehr wohl als Negativposten in eine Nachhaltigkeitsberechnung einfliessen. (Gesamtverbrauch an Energie unserer Gesellschaft).

Meine Oma, die ihr Leben lang den größten Teil ihrer Nahrung selber produziert hat, reduziert dagegen das BIP, da sie ihre Nahrungsmittel nicht im Supermarkt gekauft hat. Ein Schädling der Gesellschaft.

Das was meine Oma an Nahrung produziert hat würde sich evtl. schwer erfassen lassen geht aber in die Tragfähigkeit mit ein. Da sie aber einen geringeren Anteil der im Ökosystem produzierten Nahrung verbraucht, würde ihre erbrachte Leistung spätestens dort auftauchen.

Jeder hat einen Kühlschrank, Handy oder E-Herd. Wer ein Auto kaufen kann und will der hat inzwischen eines. Die meisten Märkte sind gesättigt und statisch. Das so genannte Wachstum des BIP spielt sich in vollkommen unbedeutenden Randmärkten ab.

Beispiel die Firma Sony: Mit der PS2 erzielte Sony nur 3% des Konzernumsatzes aber über 90% der Gewinne! Ich bin ein Fan von Computerspielen aber unser Überleben und die Leistungsfähigkeit der Gesellschaft kann sich nicht an Konsolen, Ipads oder Hula Hoop Reifen festmachen lassen.

Die Volkswirtschaftler überschätzen den Einfluss von Marktmechanismen auf unsere Kultur kolossal. (Mit Absicht versteht sich.) Wir können uns kaum retten vor Börsennachrichten, IFO Index und Wachstumsprognosen. Jeder soll glauben diese Zahlen entscheiden über sein Wohlergehen. Wer behauptet diese Zahlen sind unwichtig kommt in unserer öffentlichen Wahrnehmung nicht vor.

Dabei sind die Dinge die man dem BIP Zuwachs zu spricht als Maßstab für unsere gesellschaftliche Leistung wirklich irrelevant.

Wie viele Konsumgüter wir verbrauchen hat keinerlei Einfluss auf unsere Überlebensfähigkeit.

Wie viel Arbeitslosigkeit es in unserer Gesellschaft gibt hat ebenfalls keinerlei Bedeutung. Wie schon häufig erwähnt sind diese Messgrößen nur für diejenigen von Bedeutung die von den Überschüssen profitieren. Dies ist eine kleine Minderheit.

Entscheidend ist ob wir insgesamt genug Produzieren um die Bedürfnisse unserer Gesellschaft zu decken. Wieviele von uns wie lange arbeiten um diese Bedürfnisse zu decken spielt dafür keine Rolle. Eigenartig ist, dass wir alle am liebsten weniger arbeiten würden, aber arbeitslose diskriminieren, Arbeit ungleich verteilen und uns immer sinnlosere Formen der Beschäftigung ausdenken.

Ob wir in Geld oder Muscheln bezahlen oder ob wir einen reinen Tauschhandel haben, ob es Banken und Finanzmärkte gibt, all das ist unbedeutend. Es kommt darauf an, dass wir irgendein System des Austauschs der Waren haben.

Unsere Marktwirtschaft ist so ein System für die Verteilung der Güter in unserer Gesellschaft. Als solches Versagt es total. Das liegt nicht an den Marktwirtschaftlichen Prinzipien an sich. Diese wären (sich selbst überlassen) ein selbst regulierendes Prinzip, steuerbar nach den Spielregeln die wir dafür festsetzen.

Diese Spielregeln allerdings unterwerfen wir vollständig falschen Zielrichtungen. Letztendlich sind diese Spielregeln so gestrickt, dass sich auf Dauer eine Größtmögliche Umwucht einstellt. Wenige bekommen viel, Viele bekommen wenig.

Das dieser eigentlich unbedeutende Aspekt, nämlich wie wir die Verteilung unserer Güter organisieren, so einen immensen Einfluss auf unser tägliches Leben hat während unsere Überlebensfähigkeit vollständig vernachlässigt wird ist schwer nachzuvollziehen.

Die einzige relevante Frage für die Überlebensfähigkeit einer Gesellschaft ist ob sie genug Produziert oder Einführt um den Lebensstandard ihrer Bürger abzudecken. Ich will ja keine Panik machen aber ich finde wir sollten über unsere Überlebensfähigkeit als Gesellschaft ein wenig nachdenken. Diesen Kapitalismus können wir uns jedenfalls nur Leisten so lange das Öl fliesst.

Wenn man über diese Dinge nachdenkt, kommt man ebenfalls zu dem Schluss, dass diese Konsumgesellschaft auch eine Beschäftigungstherapie ist. Wer kann schon von sich sagen seine Arbeit produziert für unsere Gesellschaft wichtige Güter. Fast alles was wir den ganzen Tag herstellen dient der Befriedigung von Scheinbedürfnissen die von der Werbung hervorgerufen werden.

Dafür verschwenden wir die Rohstoffe der Zukunft? Wir fahren jetzt SUVs aber in 20 Jahren verhungern in unserem Land 30 Millionen Menschen weil der Treibstoff ausgeht? Wenn es wirklich dazu kommt sind wir tatsächlich selbst schuld.

Wir können heutzutage mit niedrigem Aufwand sehr große Mengen an Nahrung und Energie erzeugen und verfügen _noch_ über genug fossile Brennstoffe um uns allen ein ziemlich unbeschwertes Leben zu ermöglichen.

Wir könnten dies auch nachhaltig ohne große Probleme erreichen, wenn wir nur wollten. Das wir es nicht tun hat viele Ursachen. Bestimmt aber liegt es nicht daran, dass unser Wirtschaftssystem so wie es ist "Alternativlos" ist.


>> Weiter (Wachstum Revisited 02)
>> oder zu geschönter Verteilungsrechnung des BIP.

Kommentare:

  1. ... wir könnten das mit dem BIP ja auch einfach abschaffen. Wir kopieren das System, welches in Bhutan herrscht. Oder wir wählen einfach alle die Piraten. ;-)

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  2. Eigentlich dachte ich es wäre offensichtlich, dass es mir nicht um das BIP geht, sondern wie ein Systen beschaffen sein muss, dass unseren Wohlstand möglichst effizient und gerecht verteilt.

    Das System an dem wir heute so verzweifelt festhalten erfüllt die Mindestanforderungen an ein Wirtschaftssystem nicht.

    Mein Vorschlag die Tragfähigkeit als bestimmende Größe unserer Wirtschaftspolitik zu wählen, könnte die Entscheidungen die wir treffen schon gewaltig verändern (ohne eine Ökodiktatur zu errichten).

    Anstatt unsinnigen Zahlen wie dem IFO Index nachzujagen könnte man aus der Tragfähigkeit wieder interessante Eckdaten gewinnen:

    Wachstum: Tragfähigkeitszuwachs / Jahr
    Nachhaltigkeitsindikator bzw. Overshoot: Tragfähigkeit / Energieverbrauch
    Effizienz: Energieverbrauch / Produktion (BIP?)
    Footprint: Energieverbrauch / Person
    Wohlstand: Tragfähigkeit / Person

    Wachstum wäre Planbar. Nachhaltigkeit imme Augenfällig, Besteuerung könnte sich nach dem Verbrauchvon energie richten.

    Energiequellen könnten gefördert, Energiesenken könnten (Steuerlich) bestraft werden.

    USW.

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